Kontakt

von Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel

Stiftung Nazareth

Bildung & Beratung Bethel

Nazarethweg 7

33617 Bielefeld

Telefon 0521 144-3954

Projektleitung

Werner Barking

werner.barking(AT)bethel.de

Gemeinsam für ein gelingendes Leben im Alter - Netzwerk der Alten- und Suchthilfe im ambulanten und stationären Setting

Hintergrund/Wissensstand

Sucht im Alter ist ein Problem, das lange unterschätzt wurde. Es bedarf der Aufmerksamkeit, weil die Anzahl von Menschen mit Suchterkrankungen jenseits des 60. Lebensjahres steigt und weiter wachsen wird (Wetterling et al. 2002, Lieb et al. 2008). Als erste Ursachen sind Reaktionen auf den Verlust eines Partners, soziale Isolation und beeinträchtigtes Selbstwertgefühl zu nennen (Schäufele 2009). Pflegende in Institutionen und im ambulanten Bereich sind unzureichend ausgebildet, um Patienten mit Suchtproblemen zu helfen (Kuhn und Haasen 2008). Auch in der Suchtforschung bleibt die Personengruppe ab Eintritt ins Rentenalter weitgehend unbeachtet. Ergebnisse der ersten Erhebungen zum Suchtverhalten im Alter sind jedoch alarmierend. Sie zeigen, dass vor dem Hintergrund der weiter steigenden Lebenser­wartung der Bevölkerung, dieses Thema der Bearbeitung bedarf. Die größten Suchtproblema­tiken im Alter gehen auf den Alkoholkonsum und Medikamentenmissbrauch zurück, die hier kurz skizziert werden.

Riskanter Alkoholkonsum

Suchterkrankungen im Alter sind wenig trennscharf definiert und die Übertragung von Ergeb­nissen aus anderen Altersgruppen kaum möglich. Die bisher vorliegenden Studien zeigen fol­gende Resultate: Von riskantem Alkoholkonsum  gefährdet ist eher die Gruppe der 60 – 69-Jährigen, also die der  „jungen Alten“ (die anzunehmende Rate liegt über 10% aller Personen dieser Altersgruppe), wobei der Anteil bei den Männern deutlich höher liegt als bei den Frauen. Mit steigendem Alter nimmt der Konsum bei beiden Geschlechtern ab und liegt bei den 80 – 89-Jährigen schließlich unter 5 % (Weyerer 2007, Kuhn und Haasen 2008,  Schäu­fele 2009). Bei Bewohnern in stationären Altenpflegeeinrichtungen und Patienten in der Be­treuung durch ambulante Pflegedienste wird der Anteil alkoholabhängiger Personen auf mehr als 14% geschätzt, wobei sich das oben beschriebene Muster der abnehmenden Risikoraten im höheren Alter bestätigt (Kuhn und Haasen 2008). Dabei liegt der Anteil der vom Pflegeper­sonal wahrgenommenen suchtabhängigen Patienten deutlich höher als die der ärztlich diag­nostizierten und mit einer  ICD-10 Diagnose versehenen Anzahl dieser Personen (Schäufele et al. 2009a, Weyerer et al. 2006). Im Zusammenhang mit zunehmender Altersverwirrtheit reduziert sich der Alkoholkonsum (Kuhn und Haasen  2008). 

Alkoholabhängigkeit im Alter wird häufig nicht erkannt. Obwohl nachlassende körperliche Leistungsfähigkeit, häufige Stürze, Fehlernährung, depressive Störungen und sozialer Rück­zug Folgen von Alkoholmissbrauch sein können, werden diese häufig als Begleiterscheinun­gen des höheren Alters gesehen. Hausärzte identifizieren nach Berner et al. (2008) bei ihren Patienten nicht einmal die Hälfte aller Alkoholerkrankungen. Werden ältere alkoholabhängige Personen mit spätem Krankheitsbeginn (late onset) allerdings behandelt, dann scheint die Prognose durchaus günstig zu sein. Erste Erhebungen weisen darauf hin, dass bereits Kurzinterventionen suchtspezifischer Therapien sich als wirksam erweisen und ältere Patienten dann langfristig hohe Abstinenzraten zeigen (Rumpf 2009, Fleming et al. 1999).

Nach Auffassung von Pflegenden stationärer Altenhilfeeinrichtungen sollten Interventionen darauf ausgerichtet sein, die Lebensqualität der Betreuenden zu erhalten oder zu verbessern. Einzuleitende Maßnahmen müssen unter Wahrung des Selbstbestimmungsrechtes auf die individuelle Situation ihrer Patienten und Patientinnen ausgerichtet sein und können darin bestehen, mit dem Bewohner Lösungen für ein bestehendes Suchtproblem zu finden (Kuhn und Haasen 2008).

Deutlich zeigt sich, dass die Problematik in der ambulanten Pflege noch höher zu bewerten ist als in stationären Einrichtungen, weil die Kontakte oft zu kurz sind, um die Suchtprobleme zu erkennen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen (Rumpf et al. 2006).

Medikamentenmissbrauch

Eine regelmäßige Einnahme von Schlaf-,  Beruhigungs- und Schmerzmitteln im Alter betrifft eher Frauen als Männer. Jedoch lässt sich aufgrund der vielen Medikamentengruppen und der unterschiedlichen Dosierungsempfehlungen sowie des kaum zu überblickenden Einnah­meverhaltens ein Missbrauch nur schwer quantifizieren. In der Berliner Altersstudie BASE gaben 20% der über 69-Jährigen an, regelmäßig Benzodiazepine zu nehmen, während eine diagnostizierte Medikamentenabhängigkeit lediglich bei 0,5 % der Informanten vorlag (Linden et al. 2004). Dieses Ergebnis weist darauf hin, dass auch ein Medikamentenmissbrauch im Alter weitgehend unentdeckt bleibt und trotz der Verschreibungspflicht von Arzneimitteln mit Suchtpotential nicht immer erkannt wird.  Nachweise liegen vor, dass diese Medika­mente als Folge lang dauernder Einnahme und eines induzierten Gewöhnungsprozesses ohne genaue Indikationsstellung weiter verordnet werden (Glaeske 2008, Förster et al. 2009). Die Zusammenarbeit mit den Ärzten im ambulanten und stationären Altenhilfebereich in Be­zug auf Medikamentenverordnungen mit Suchtpotential wird von Pflegenden als problema­tisch gesehen. Ihre Beobachtungen über das Verhalten der Bewohner werden von den Ärzten unzureichend wahrgenommen und berücksichtigt (Kuhn und Haasen 2008).

Fazit

Ein erster Überblick über die Literaturlage in Deutschland zum Thema „Sucht im Alter“ weist darauf hin, dass bislang keine sicheren Verfahren zum Erkennen potentieller Risikopatienten und älterer Menschen mit bereits bestehendem Abhängigkeitsverhalten vorliegen. Ein kon­struktiver Austausch über die Suchtprobleme der Patienten zwischen ärztlichem und pflegeri­schem Personal besonders im Bereich der stationären Altenhilfe und der ambulanten Betreu­ung findet nicht oder unzureichend statt. Es fehlt an Interventionen und Schulungsmaßnah­men, um diesem Problem in der Praxis sicher begegnen zu können.

Konzeption des Modellprojekts

Die von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel (vBS Bethel) betreuen in der Altenhilfe ca. 2.375 Personen in ambulanten, teilstationären und stationären Settings. Im Bereich Psychiat­rie stehen 1.708 (250 Betten im Akutbereich) Plätze zur Verfügung und 3.268 Personen wer­den im Bereich Arbeit und berufliche Rehabilitation betreut. Insgesamt beschäftigen die von Bodelschwinghschen Stiftungen ca. 14.900 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in 6 Bundesländern. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt in Ostwestfalen/Lippe (Zahlen 2008). 5.789 Personen lernen in den Schulen und Ausbildungsstätten der vBS Bethel. Das Fort- und Weiterbildungsinstitut Bildung & Beratung Bethel (B & B Bethel) bietet ca. 250 Bildungsmaßnahmen für das Sozial- und Gesundheitswesen, sowie für Menschen mit Behinderungen an. Das Evangelische Johanneswerk ist der zweite große diakonische Träger der Region und betreut über 3.000 alte Menschen in mehr als 30 Einrichtungen. Die vBS Bethel und das Ev. Johanneswerk sind zusammen mit anderen diakonischen Einrichtungen Träger der Fachhochschule der Diakonie, die berufsbegleitende Studiengänge für Personen aus Sozial- und Gesundheitseinrichtungen anbietet.

In diesem Projekt werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den ambulanten und stationären Settings der Alten- und Suchthilfe der beiden Träger gemeinsam an der Entwicklung von Interventionsstrategien für ältere Menschen mit Suchterkrankungen und an der Entwicklung von Curricula für die Aus-, Fort- und Weiterbildung in diesem Bereich arbeiten.

Ziele des Projektes:

Nach der Projektlaufzeit

· besteht ein internetgestützter Konsiliardienst für Suchtprobleme bei älteren Menschen, der von den bestehenden Einrichtungen der Alten- und Suchthilfe der von Bodelschwinghschen Stiftungen und des Ev. Johanneswerkes sowohl im ambulanten als auch im stationären Sektor getragen wird und für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erreichbar ist

· wurden curricular und didaktisch aufbereitete Lehreinheiten für die Altenpflegeausbildung, die Fort- und Weiterbildung in der Altenpflege und im Suchtbereich und für die Studiengänge der Fachhochschule entwickelt

· liegt eine wiss. Auswertung des in die Kommunikationsrunden von den Basismitarbeiterinnen und -mitarbeitern der ambulanten und stationären Alten- und Suchthilfe eingebrachten Wissens über die Beratung, Pflege und Therapie von älteren Menschen mit Suchterkrankungen und ihre gemeinsam entwickelten Interventionsvorschläge vor.

In unserem Modellprojekt gehen wir davon aus, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Alten- und Suchthilfe das Wissen um die Problemlage von Suchterkrankungen in ihrem berufli­chen Alltag erworben haben bzw. im gemeinsamen Dialog entwickeln können. Die interdiszip­linären und intersektoriellen Kommunikationsrunden dienen dem Zweck, dieses Wissen über das Erkennen und Aufdecken von Suchterkrankungen sowie über Interventionsansätze für die betroffenen Personen selber und ihr soziales Umfeld aus den Erfahrungen der Basismitarbeiterinnen und –mitarbeiter heraus zu entwickeln und systematisch aufzuarbeiten. Aus diesen Kommunikati­onsrunden heraus entwickeln die beiden Bereiche Alten- und Suchthilfe einen Konsiliardienst, der eine flexible kollegiale Beratung und Betreuung von älteren Patientinnen und Patienten mit Suchtproblemen ermöglicht und sich über eine gemeinsame Internetplattform organisiert. Zu­sätzlich werden Lehrinhalte und didaktische Methoden ent­wickelt, durch die das Wissen in die Curricula der Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie in die entsprechenden Studiengänge der Pflege und Sozialen Arbeit implementiert werden kann. Die drei Schwerpunkte des Projekts werden im Folgenden getrennt dargestellt. Zeitlich überlappen sich die Arbeitsphasen dieser drei Bereiche.

Das Projekt wird von zwei Workshops flankiert, die das Bewusstsein für das Thema Sucht im Alter bei den Leiterinnen und Leitern der Einrichtungen wecken und die erarbeiteten Ergeb­nisse einer breiten Fachöffentlichkeit zugänglich machen sollen. Die Projektdurchführung wird von einer Leitungsgruppe begleitet, in die jeweils eine leitende Person der einzelnen Projekt­partner entsandt wird.

Interdisziplinäre, intersektorielle Kommunikationsrunden

Ziel der Kommunikationsrunden ist es, diesen Wissens- und Erfahrungsschatz im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen der je­weils anderen Disziplin und dem anderen Sektor zu formulieren und miteinander weiter zu entwickeln. Die Kommunikationsgruppen bestehen aus acht Fachkräfte, wobei jeweils zwei aus der ambulanten und stationären Suchthilfe sowie aus der ambulanten und stationären Altenhilfe entsandt werden. Die Gruppen werden von einer außenstehenden Person moderiert, deren Aufgabe es ist, eine gleichberechtigte Beteiligung der vier Bereiche sicherzustellen und ein zielgerichtetes Arbeiten zu ermöglichen. Der didaktische Ansatz der Kommunikationsgruppen folgt dem fallorientierten Lernen nach Schmidt (1983).

Die Gruppe erhält von Expertinnen oder Experten nach Wunsch fachlichen Input. Die Kommunikationsrunden werden als Film- und Tonmaterial festgehalten. Das in die Runden eingebrachte und in ihnen weiterentwickelte Wissen wird mit den Methoden der qualitativen Sozialforschung (Experten- Fokusgruppeninterviews) ausgewertet (Gläser und Laudel 2006).

Abb. 1: Aufbau der Kommunikationsgruppen

Entwicklung eines interdisziplinären Konsiliardienstes

Aus den Ideen und Inhalten der Kommunikationsgruppen heraus wird ein flexibler Konsiliardienst entwickelt, in dem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verschiedener Professionen der Alten- und Suchthilfe gemeinsam den Patientenweg eines suchterkrankten älteren Menschens begleiten. Als Kommunikationsplattform wird eine Internetplattform mit der Software Moodle aufgebaut, mit der in der B & B Bethel und in der Fachhochschule der Diakonie bereits gute Erfahrungen vorliegen (Schumann 2008). Die Plattform wird von dem Projektmitarbeiter der B & B Bethel eingerichtet, gepflegt und moderiert. Um dem Konsiliardienst ein evidenzbasiertes Arbeiten zu ermöglichen, werden wissenschaftliche Fragen, die bei der Betreuung der Patienten entstehen, von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Fachhochschule der Diakonie systematisch recherchiert und die gefundene Literatur aufgearbeitet zur Verfügung gestellt. Die genauen Vorgehensweisen des Konsiliardienstes werden im Rahmen des Projektes aus den Ergebnissen der Kommunikationsgruppen heraus entwickelt.

Entwicklung von Curricula für die Ausbildung, die Fort- und Weiterbildung und für Studiengänge der Fachhochschule

Für die Erarbeitung von Aus-, Fort- und Weiterbildungscurricula zum Thema „Sucht im Alter“ und durch die Einbeziehung in die Studiengänge der Fachhochschule der Diakonie, werden Expertengruppen gebildet, in denen jeweils Vertreterinnen und Vertreter der Altenpflegeschulen, der Fort- und Weiterbildungseinrichtungen der beiden Träger Ev. Johanneswerk und von Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel sowie der Fachhochschule der Diakonie beteiligt sind. Dazu kommen Vertreterinnen und Vertreter aus den Praxiseinrichtungen der Alten- und Suchthilfe, die u.U. bereits in den Kommunikationsgruppen beteiligt waren. Ziel dieser Expertengruppen ist es, die fachlichen Inhalte für das Thema „Sucht im Alter“ und für die einzelnen Bildungssektoren festzulegen und Vorschläge für ihre Implementierung in die bestehenden Curricula zu entwickeln. Zusätzlich werden exemplarisch didaktische Materialien und Vorschläge entwickelt, die das Thema anschaulich und praxisrelevant verdeutlichen und das Ineinandergreifen von Alten- und Suchthilfe demonstrieren. Als Ausgangsmaterial können die in den Kommunikationsgruppen analysierten Fälle genutzt werden. Zu den erarbeiteten Materialen gehört auch eine „Landkarte der Versorgungseinrichtungen“ für die Region, die den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine schnelle Orientierung über die Strukturen der Alten- und Suchthilfe ermöglicht

Projektpartner

Evangelisches Krankenhaus Bielefeld

Gerontopsychiatrische Tagespflege
Klinik für Abhängigkeitserkranungen
Tagesklinik Sucht

Ev. Johanneswerk Bielefeld

Karl-Pawloski-Haus, Alten und Pflegeheim

Bethel.Regional

Zentrum West
Sozialdient / Suchtberatung

Stiftungsbereich Altenhilfe Bethel

Boysenhaus
Lohmannshof

Ev.- Reformierte Kirchengemeinde

Pflegestation

 

Erfahrungen und Ergebnisse des Modellprojekts

Die erste Pilotphase wurde 2012 beendet. Hier finden Sie Ergebnisse und Erfahrungen