Ihre Spende hilft

Betroffene erzählen

Anneliese Haas*

Jahrgang 1941; raucht seit knapp einem Jahr nicht mehr

„Allein habe ich es mir nicht zugetraut“

Es ist jetzt knapp ein Jahr her, dass ich aufgehört habe zu rauchen. Am 8. März, meinem 64. Geburtstag, da war mein erster rauchfreier Tag. Ich habe über 20 Jahre geraucht, etwa eine Packung täglich und eigentlich wollte ich immer aufhören. Aber ich hatte Angst. Allein habe ich mir das nicht zugetraut. Mein Mann raucht schon seit 18 Jahren nicht mehr, aber ich, ich habe einfach den Absprung nicht geschafft.

Dass ich überhaupt mit über 40 noch angefangen habe zu rauchen, war reiner Leichtsinn. Im Kegelverein war das. Da habe ich dann ab und zu eine mitgeraucht. Die anderen haben sich amüsiert darüber, wenn ich husten musste – und am Ende hing ich an den Zigaretten. Das fand ich überhaupt nicht mehr lustig.

Schließlich brachte mein Sohn einen Zeitungsausschnitt über das „Stopp Smoke“-Angebot von Bad Fredeburg mit und ich habe sofort gesagt: „Das mache ich.“ Mein Mann hat mich begleitet, um mich zu unterstützen. Das hat mir sehr gut getan.

Für mich hat sich das Aufhören auf jeden Fall gelohnt. Ich fühle mich einfach viel wohler. Das ist das Wichtigste in meinem Alter, die Gesundheit. Aber schlimm war für mich auch die Ausgrenzung der Raucher. Das wurde ja immer schlimmer. Ich hatte selbst ein schlechtes Gewissen und wurde zudem ausgegrenzt. Das hat mich sehr belastet.

*Name geändert

Manfred Kremer*

Jahrgang 1936, lebt seit 7 Jahren alkoholabstinent

„Ich war mal ein ganz passabler Mittelfeldspieler“

„Als ich in den Vorruhestand ging, da ging das so richtig los bei mir mit dem Trinken. Ich bin geschieden und lebe allein. Mein Sohn lebt mit seiner Familie in Norddeutschland. Also saß ich an den Nachmittagen und Abenden vor dem Fernseher. Hobbys hatte ich damals keine mehr. Früher ja, da habe ich Fußball gespielt. Ich war mal ein ganz passabler Mittelfeldspieler. Aber das ist lange her.

Ich habe schon früher nicht gerade wenig Alkohol getrunken. Aber ich war auf der Bank. Da musste ich morgens pünktlich sein und richtig angezogen. Hemd und Schlips waren Pflicht. Sonst wäre ich vielleicht schon früher abgestürzt.

Zufrieden war ich mit meinem Leben nicht, groß nachgedacht habe ich allerdings auch nicht. Heute kann ich manchmal darüber lachen, was ich aus den ersten Jahren meines sogenannten wohlverdienten Ruhestandes gemacht habe. Morgens war ich natürlich verkatert; das Körperliche war nicht so schlimm, ich musste ja nicht fit sein. Aber das geht ja auch aufs Gemüt und irgendwie schien mir die Zeit bis zum Trinkbeginn – ich sag das mal so – immer länger. Schließlich habe ich angefangen, gleich nach dem Frühstück ein Glas Rotwein zu trinken. Das hat geholfen.

Im Sommer 1996, als ich zu meinem Sohn fuhr, da habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass Alkohol ein echtes Problem wurde. Ich habe mich sonst auf die Enkel gefreut, jetzt hatte ich eher Sorge, ob ich genug und unauffällig genug würde trinken können. Mein Sohn hat es hingenommen und nichts gesagt. Weihnachten habe ich dann abgesagt und war alleine, aber brauchte mich nicht zu verstellen. Ich tat keinem was, außer mir. Es war dann eigentlich fast Zufall – ich sage fast, weil ich an Zufälle nicht so recht glaube, dass ich den Aushang einer Selbsthilfegruppe der Freundeskreise las. Dort stand, dass man erst einmal zuhören kann. Das habe ich drei Wochen lang getan. Danach habe ich mit dem Trinken aufgehört, von heute auf morgen und ich hoffe für immer. Die Leere und Langeweile waren dadurch nicht weg, aber gerade da haben mir die anderen geholfen und helfen mir noch...

*Name geändert

Elisabeth Winkler*

Jahrgang 1924; lebt seit einem Jahr alkoholabstinent

„Mein Sohn hat gesagt, sonst kommst du fort“
„Raten Sie jedem, eine Therapie zu machen“

Manchmal habe ich zwei Flaschen am Tag getrunken. Sherry, Schnaps, meist Rotwein. Immer nur das Billigste, obwohl ich mir auch etwas Besseres hätte leisten können. Vielleicht, weil ich ein schlechtes Gewissen hatte.

Angefangen zu trinken habe ich nach dem Tod meines Mannes. Der ist jetzt das 18. Jahr tot. Schön ist das nicht, alleine zu sein. Wir waren 45 Jahre glücklich verheiratet, und als er starb waren wir beide 64. Bis zu seinem Tod habe ich kaum getrunken, manchmal abends ein Glas Bier. Mein Mann hat nur Buttermilch getrunken.

Ich wohne bei einem meiner Söhne im Haus. Hier in der Straße leben insgesamt 26 Verwandte von mir. Meine Enkelin ist 41, die hat gesagt: „Oma, hör doch bitte auf zu trinken“. Das tat mir schon leid, aber ich habe trotzdem weiter getrunken. Meine Kinder, die haben sehr darunter gelitten. Wenn ich gefallen bin, das tat einen Schlag, den hörte man im ganzen Haus. Dann kam mein Sohn angerannt und hat mich ins Bett gelegt. Irgendwann hat er gesagt: „Wenn du nichts unternimmst, kommst du fort.“

Ein ebenfalls schon etwas älterer Suchtberater von der Arbeiterwohlfahrt hat mich dann betreut, wir haben auch heute noch regelmäßigen Kontakt, und ich gehe einmal die Woche in eine Selbsthilfegruppe, das haben sie im Krankenhaus verlangt.

Raten Sie jedem, eine Therapie zu machen. Ich war vier Monate in einer Fachklinik. Erst waren mir nur vier Wochen genehmigt worden, aber ich habe eine Verlängerung bekommen. Das ist nicht einfach und man hört viel Böses in diesen Gruppen. Ich habe kein schlechtes Leben gehabt, aber manche haben sehr schwere Schicksale erlebt. Ich habe selten in meinem Leben so tiefe Gespräche geführt und mir auch nicht die Zeit genommen, so über mein Leben nachzudenken. Das war wie ein Geschenk für mich.

*Name geändert

Helga Schuster*

Jahrgang 1938; lebt seit 5 Jahren alkoholabstinent

„Es ist einfach schön, dass ich das nicht mehr brauche“

Ich habe eigentlich schon immer gerne etwas getrunken – ein, zwei Gläser Bier oder Wein, nie über die Maßen und vor allem in Gesellschaft. Darüber, dass ich einmal ein Alkoholproblem bekommen könnte, habe ich nie nachgedacht. Es ging mir gut in meiner Ehe. Ich habe eine Tochter und bin seit über 25 Jahren sehr in unserer Kirchengemeinde engagiert.
Trotzdem, im Laufe der Jahre habe ich nach und nach mehr getrunken. Aber betrunken war ich nie, ich habe nicht gelallt oder meine Pflichten vernachlässigt. Sondern ich war reine Spiegeltrinkerin. Nachdem ich anfing auch alleine zu trinken, habe ich immer gleichmäßig über den Tag verteilt getrunken, eine Flasche Wein oder Sekt. Irgendwann bin ich auf Weinbrand umgestiegen. Eine halbe Flasche Weinbrand über den Tag verteilt, die ich mit Mineralwasser aufgegossen habe, das war meine Ration. Ich wusste also immer, eine Flasche Weinbrand – 38 Vol.-% hatte der – reicht zwei Tage. Und da war ich auch konsequent, die halbe Flache habe ich immer stehen lassen.

Mein Mann erkrankte sehr früh an Alzheimer. Er war gerade mal 53 Jahre alt, als die Diagnose gestellt wurde. Ich habe ihn sieben Jahre lang gepflegt. Das fällt in etwa mit der Zeit zusammen, in der ich täglich getrunken habe. Trotzdem, die Krankheit meines Mannes ist nicht die Ursache für mein Alkoholproblem, das bestand damals schon längst.

Ich habe nie gedacht, dass ich Alkoholikerin bin. Aber ich habe mir Sorgen um meine Gesundheit gemacht. Mein Mann brauchte mich, ich wollte nicht krank werden. Der Arzt hatte gesagt, dass meine Leberwerte nicht gut seien. Ich wiege ja nicht sehr viel, habe nie sehr viel gewogen. 55 Kilo, das macht auch etwas aus.

Am 19. Juli 2000 habe ich zum letzten Mal Alkohol getrunken, der 20. Juli 2000 war mein erster alkoholfreier Tag – und ich habe prompt einen Krampfanfall bekommen. Darauf war ich überhaupt nicht vorbereitet. 17 Tage war ich danach im Krankenhaus und als ich das Krankenhaus verlassen habe, stand für mich auch fest, dass ich eine Therapie machen würde.

In der Fachklinik war ich dann sehr gerne. Ich habe dort sehr viel gelernt und ich fühlte mich auch gut erkannt und gut aufgehoben dort. Auch meine Tochter und mein Schwiegersohn haben zu mir gehalten und mich unterstützt, das hat mir viel bedeutet. Mit meiner Krankheit gehe ich offen um. Bislang habe ich damit nur gute Erfahrungen gemacht und ich erhalte viel Anerkennung dafür, dass ich das Problem angegangen bin.

* Name geändert